Karneval der Kunst: Wo Kitsch und Kultur Polka tanzen

Kitsch und Kultur versprüht irgendwie das Gefühl von Sein und Nicht-Sein. Auf Reisen greifen wir oftmals zu überflüssigem Krempel und nehmen ihn unseren Liebsten mit. Zu kitschig gibt es nicht. Demgegenüber steht eine riesige Souvenir-Industrie, die weltweit glitzernden Scheiß made in China verkauft. Logischerweise bleiben die raren Kunstwerke aus den Zielländern in den Läden. Klingt das für dich nach einem nachhaltigen Tourismus? Dachte ich mir. Wir „beschädigen“ damit wohl alle drei Säulen der Nachhaltigkeit.

Kitsch oder Kultur?

Eine grundlegende Abgrenzung von Kitsch und Kultur gibt es nicht. Es ist sehr fließend und bedeutet für jeden etwas Anderes. In jedem Bereich der Kunst gibt es auch Kitsch. Egal, ob in Literatur, Musik, Theater, Film, Malerei, Architektur, Design oder bei Kunstwerken. Oftmals lässt Kitsch im Gegensatz zu Kunst keine Interpretationen zu und ist leicht reproduzierbar. Kunst hingegen ist neuwertig und originell. Kitsch ist Kunst für die große Masse. Dementsprechend Massenware und eignet sich perfekt für Massentourismus. Manche sehen Kitsch auch als „falsch“. Er besteht somit aus falschem Material, ist am falschen Ort, in der falschen Zeit oder vermittelt die falschen Gefühle. Kitsch täuscht etwas vor, dass er selbst nicht sein kann.

Kitsch ist Kunst für die Masse und ist in irgendeiner Weise „falsch“.

Aber auch Traditionen verschwimmen mit Kitsch – also nicht nur die Kunst als Teil der Kultur, auch Brauchtum und Althergebrachtes. Auf einmal werden traditionelle Dirndlkleider mit funkelndem Schnickschnack aufgebrezelt. Ursprüngliche Trachten in zu kitschige Puppen verwandelt oder Bräuche für unterhaltungswütige Touristen aufgebläht.

Grafik: Wahllos gekaufte Souvenirs beeinflussen alle 3 Säulen der Nachhaltigkeit
Wahllos gekaufte Souvenirs beeinflussen alle 3 Säulen der Nachhaltigkeit

Gartenzwerg und volkstümliche Musik

Dir fallen sicherlich unzählige Darstellungen von kitschigem Krempel ein. Sowohl bei dir zuhause als auch in Urlaubsländern.

Tja, was ist mit dem Gartenzwerg? Wie mag der auf ausländische Gäste in Österreich oder noch viel ärger in Deutschland wirken? Kleine Handwerker im Erdbeerbeet. Oder stinkefinger-zeigende Punks zwischen goldgelben Sonnenblumen? Furchterregend und möglicherweise etwas zu kitschig…

Ein Professor witzelte immer über volkstümliche Musik. Da ist quasi der Name Programm: Volk dümmlich. Diese Musikrichtung mag man oder eben nicht. Aber mit traditioneller Volksmusik hat sie definitiv nichts am Hut. Dafür wird sie bei Heimatabenden präsentiert.

Massentouristen brauchen Kitsch

Eigens für sie produziert decken sich viele Massentouristen mit scheußlichem Zeug ein. Ich schreibe hier von Souvenirs. Klar oder?

Leider wurde mit dem Anstieg an Touristen die Nachfrage nach Andenken an die Reise größer als die heimischen Künstler und Kunsthandwerker erzeugen konnten. Zudem sank die Preissensibilität gegenüber „echter“ Kunst. Es schrie förmlich nach Massenproduktion – die Geburtsstunde von Kitsch für den Tourismus. Die Souvenirs sind meist billig und werden von den Reisenden wahllos gekauft. So jetzt halte dich fest: Das hat bereits Hans-Joachim Knebel im Jahr 1960 in seiner Arbeit „Soziologische Strukturwandlungen im modernen Tourismus“ beschrieben. Crazy. Aber gültiger denn je.

Die winkende „Chinesen-Katze“ begleitet dich als das Souvenir auf der ganzen Welt.

Schlendere einmal durch eine Fußgängerzone in deinem Urlaubszielland. Siehst du die winkenden goldenen Chinesen-Katzen? Ganz egal, wo du dich auf der Welt befindest.

Selbstverständlich habe ich einige Beispiele, wie du dich am besten (zu) kitschig eindecken kannst:

  • Holzschuhe aus Holland
  • Masken aus Venedig
  • Ponchos aus Bolivien
  • Sehenswürdigkeiten im Schüttelglas aus Überall
  • Die winkende Chinesen-Katze sowieso

Intensiviertes Zugehörigkeitsgefühl

Touristen lassen sich in Salzburg und Tirol bei Heimatabenden mit aufdringlichen bis zarten Tönen unterhalten, in Südländern ist es ein Samba-Abend oder eine Tango-Nacht. Dabei vereinen sie sich mit der „Kultur“ des Ziellandes und fühlen sich aufgenommen. Sind Einheimischer auf Zeit.

Hm. Hast du dich schon einmal gefragt, wie ein Fest dort wirklich abläuft? Also, da wo nur die Einheimischen sind? Sicher weißt du das aus deiner Heimat. Es ist meistens „nur“ eine Show, die für Touristen abgehalten wird. Die „richtigen“ Feste gehen anders. Aber die Touristen sind unterhalten, die Kassen klingen. Tradition? Kitsch? Richtig. Ist egal.

Kitschig schön in Szene gesetzt wurde die Kultur in Bordeaux
Kitschig schön in Szene gesetzt wurde die Kultur in Bordeaux

Gibt es nachhaltige Souvenirs?

Du ahnst es bereits. Wenn du einen (zu) kitschigen Krempel im Urlaubsland kaufst, leidet das heimische Kunsthandwerk. Die Einheimischen importieren Billigware aus dem Ausland, verdienen eine kleine Marge und vergessen ihr traditionelles Handwerk. Nebenher wird jede Menge „Müll“ produziert, zudem werden die Waren durch die halbe Welt geliefert. Alle drei Säulen der Nachhaltigkeit werden durch diesen Ramsch verletzt.

Nun stellt sich die Frage: Gibt es nachhaltige Souvenirs? Überlege auf jeden Fall immer vorher, ob das Mitbringsel aus dem Urlaub positive Gefühle in dir hervorruft. Es soll dich an schöne Zeiten erinnern und im besten Fall auch noch „gebraucht“ werden. Folgerichtig verstaubt es nicht in deiner überfüllten „Ramsch-Schublade“ und „hilft“ dir in deinem Alltag. Möglich sind handbemaltes Geschirr oder Gemälde, die du dir an deine Wand hängst.

Frage die Händler, wo und wie die Kunst (oder der Kitsch) hergestellt werden und ob es sich um lokale Produzenten handelt. Somit kommst du ins Gespräch mit Einheimischen und zeigst Interesse an ihrer Kultur. Solche Gespräche sind eine Bereicherung für dich und die Leute vor Ort – ein Hut mit der Inschrift Made in China, den du in Südafrika kaufst, hingegen nicht.

Tiere und Teile von Ökosystemen sind tabu. Klar oder? Anhänger aus Tigerzähnen, heimische Pflanzen, Schnitzereien aus Walknochen, Schal aus der dafür getöteten Tibetantilope – das alles bleibt, wo es ist. Verbotene Waren finden zwar bekanntlich viele Käufer. Aber hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun.

Aus dem Verkehr gezogen werden illegale Sachen wie lebende Tiere oder z. B. Ketten aus Elfenbein. Kann sein, dass nicht nur die Souvenirs hinter Gitter müssen…

Einheimische Köstlichkeiten als Urlaubsmitbringsel sind immer eine sehr gute Entscheidung.

Wie wäre es hingegen mit lokalen Köstlichkeiten, die dir zuhause ein bisschen Urlaubsgefühl in die Küche zaubern? Ich denke gerade an zartschmelzende Schokolade aus der Schweiz, knackiges Gingerbread aus Schottland, mild-fruchtiges Olivenöl aus Griechenland, würzig-scharfen Senf aus Frankreich oder einen in die Jahre gekommenen Parmesan aus Italien.

Oder mit handgefertigter Töpferware, Schmuckstücke aus Glas oder Steinen sowie Flechtarbeiten wie Körbe? Ebenso empfehlenswert sind natürliche Kosmetikprodukte wie z. B. Seifen oder ätherische Öle. Auch hier gilt: Kaufe das am besten bei lokalen Herstellern. Alternativ sind Fotos immer eine schöne Erinnerung.

Fazit – Kultur soll Kitsch auf Reisen ersetzen

In Massen produzierter Krempel voller Kitsch findet sich in jeder Urlaubsdestination. Mit Tradition und Kultur hat dies allerdings in den allermeisten Fällen nichts zu tun. Etwas aus dem Urlaub mitzubringen, nur damit man etwas mitbringt, ist nicht Sinn und Zweck. Du solltest auf jeden Fall Freude an diesem Stück haben und es im besten Fall auch noch brauchen. Es gibt Möglichkeiten, wie wir nachhaltige Souvenirs kaufen. Und bedenke immer: Die Nachfrage macht den Markt. Je größer die Nachfrage nach Ramsch, desto mehr wird angeboten.

Ein weiterer Punkt ist die Verkitschung von Bräuchen. „Heimatabende“ – egal, in welchem Land – sind (meistens) Fake, denn hier tanzt wirklich der Kitsch mit der Kultur Polka.

Erzähl mir gerne in den Kommentaren, welche Erfahrungen du schon mit Kitsch und Kultur auf Reisen oder bei dir zuhause gemacht hast. Ich freue mich darauf.

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